Meditation und Bewusstsein
Geschrieben von: Jörg Wienecke   

 

Angesichts der augenblicklich angespannten Lage in der Diskussion über die Atomtechnik erinnere ich an eine Maxime des Philosophen Hans Jonas:
"Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden."

Die gegenwärtige Debatte über die „Sicherheit“ der Kernkraft sagt lediglich über das unterschiedliche Bewusstsein derjenigen etwas aus, die diese Tatsache behaupten oder bestreiten, nicht aber über die damit verbundene Realität. Unter spirituellen Vorzeichen muss man nach den Motiven fragen, die eine solche Ansicht so oder so begründen. Tatsache ist die weltweit große Anzahl der Atommeiler, die bereits gebaut sind oder noch gebaut werden sollen. Unwiderlegbar ist weiterhin, dass man weltweit bisher keineswegs ein „Endlager“ für die abgebrannten Brennstäbe und die Spaltprodukte gefunden hat. Dabei wird diese Lage immer dringender.

Es wird also in jedem Fall so sein, dass ein unübersehbar langer Zeitraum – mehr als einhunderttausend Jahre – wegen der langen Halbwertzeit des Abfalls damit in verschiedener Hinsicht belastet ist, sei es durch den Betrieb der atomaren Kraftwerke selbst oder durch deren Rückstände. Das steht eindeutig fest. Die Lage ist nicht mehr umkehrbar.
Die Gefahr kann man höchstens etwas mildern.

Die Menschheit hat die Konsequenzen einer rein naturwissenschaftlichen Handlungsmöglichkeit bisher geistig nicht verarbeiten können.
Spirituelle Akzente zählen offensichtlich (noch) nicht.

Das Pro und Contra in der Auseinandersetzung gewinnt einen völlig anderen Akzent, wenn man sich folgende Lage klar macht: Hätten die Menschen zur Zeit des Pyramidenbaus in Ägypten (also vor rund 6000 Jahren) atomare Meiler hergestellt, dann müssten wir sie heute noch versorgen und finanzieren. Wir sind aber schon nach wenigen tausend Jahren nicht mehr in der Lage, etwa den Sinn und Zweck der Pyramiden zu verstehen geschweige ihre Bauweise. Wir können nur vermuten. Wir können das Denken früherer Zeiten teilweise gar nicht mehr verstehen, haben deren Sprachen verlernt. Wie sollte es erst nach zig tausend Jahren mit Kernkraftwerken sein? Wie sollte es bei dieser gefährlichen Technologie anders sein?

Wie können wir annehmen, dass die nachfolgenden Generationen – wohlgemerkt in einem ungeheurem Zeitraum von mehr als 100 000 Jahren – in der Lage wären, mit den Spaltprodukten und mit Plutonium aus unserer Zeit umzugehen? Wer übernimmt dafür die Kosten? Wer garantiert, dass die Menschheit nicht verarmt, sondern sich ständig in einem positiven Sinn weiterentwickelt, während doch die Ressourcen auf der Erde nach und nach erschöpft sein werden? Wer sagt denn, dass der Umgang mit dem Atom nicht am Unverstand der ganzen Spezies scheitert und sie umbringt? Wer will etwaige Kriegsfolgen ausschließen, die eine totale radioaktive Verstrahlung der Erde zur Folge haben können? Sind alle Menschen edel und gut? Gibt es künftig keine Gewissenlosigkeit und Brutalität mehr?
Wer ist unfehlbar? Wie wird es sein, wenn sich das Klima auf der Erde massiv verändert und wir wieder Eiszeiten haben werden? Was dann?

Es gibt einen naiven, naturwissenschaftlich orientierten Glauben, der besagt, dass kommende Generationen in der Lage sein werden, Plutonium zu beseitigen! Worauf stützt sich das? Man bewegt sich mit solchen Ansichten im Felde von Sciencefiction und Phantasie, statt besonnen auf dem Boden zu bleiben und die Verantwortung für das zu übernehmen, was man heute tut.

Betrachten wir die Lage nüchtern, dann hat die Zeit des Überlebens bereits begonnen. Wir sind in jedem Fall bedroht, weil die Maximen einer herrschenden Schicht im Blick auf Denken und Handeln nachweisen, dass der Mensch unserer Tage sich selbst nicht kennt, eigenes Versagen bestreitet und Tatsachen schafft, die unumkehrbar sind. Viele Menschen gegenwärtig kennen sich mit den Fakten gar nicht aus und reagieren emotional. Auch das lässt keine bewusste Haltung zu.

Wenn noch etwas zu retten ist, dann kann es nur auf dem Wege spirituell begründeter Einsicht sein: Wie Hans Jonas sagt, sollten Menschen das eigene Handeln immer nach dem denkbar schlechtesten Fall ausrichten. Das setzt allerdings ein verantwortungsbewusstes Denken voraus.
Der andere Aspekt, von dem Hans Jonas spricht, sind Selbstbeschränkung und Abkehr von fortgesetztem Wirtschaftswachstum und rücksichtsloser Ausbeutung der Erde. Es scheint, als ob wir auf dem Wege zum kollektiven Selbstmord sind, der Ausrottung der Spezies Mensch!

Wer sagt denn, dass wir nach dem Tode nicht wieder auf die Erde zurückkehren müssen und dort weitermachen müssen, wo wir aufgehört haben? Man sollte sich solche Aspekte der Mystik einmal überlegen. Wir sollten noch ändern, wenn es geht, was uns schließlich nicht am Leben lässt. Darüber muss man nicht viel nachdenken, sondern rasch handeln.


Jörg Wienecke